Aus der Praxis · Praxis Dr. Romanos

Welche Blutwerte bei Erschöpfung? 14 Laborparameter, die ein Hausarzt prüfen sollte

Wenn Patientinnen und Patienten mit chronischer Erschöpfung in die Praxis kommen, ist die erste Frage fast immer dieselbe: «Welche Blutwerte sollten denn jetzt überhaupt gemessen werden?» Ein einfaches Blutbild reicht in den meisten Fällen nicht aus. Hier ist die strukturierte Übersicht, die ich in meiner Hausarztpraxis am Zürich HB verwende — gegliedert nach den medizinisch häufigsten Ursachen.

Kurzfassung: Eine sinnvolle Erschöpfungs-Abklärung umfasst Blutbild, Ferritin, TSH, fT3, fT4, Vitamin D, Vitamin B12 (aktives Holotranscobalamin), Folsäure, HbA1c, Nüchternglukose, CRP, Leberwerte (ALT, AST, GGT), Kreatinin und Elektrolyte. Bei spezifischem Verdacht ergänzen wir Cortisol-Tagesprofil, Geschlechtshormone oder einen Eisenstoffwechsel-Check.

1. Blutbild — die Basis, aber selten die ganze Antwort

Das grosse Blutbild (Hämoglobin, Erythrozyten, MCV, MCH, Leukozyten, Thrombozyten) liefert einen ersten Eindruck: Liegt eine Anämie vor? Sind Entzündungszeichen sichtbar? Gibt es Hinweise auf eine hämatologische Erkrankung? In meiner Praxis sehe ich aber regelmässig Patienten mit erschöpfungsähnlichen Beschwerden und vollkommen unauffälligem Blutbild — deshalb ist es nur der Anfang.

2. Ferritin — der wichtigste einzelne Marker

Ferritin ist der Eisenspeicher-Wert. Ein Wert unter 30 µg/l kann bereits Erschöpfung, Konzentrationsstörungen, Haarausfall und Restless Legs verursachen — auch wenn das Hämoglobin noch im Normbereich liegt. Dieses Bild nennt man Eisenmangel ohne Anämie, und es ist besonders bei Frauen vor der Menopause, bei Sportlerinnen, Vegetarierinnen und in der Schwangerschaft häufig.

Wichtig: Ferritin ist auch ein Akut-Phase-Protein. Bei einer Entzündung steigt es an und kann einen Eisenmangel verschleiern. Deshalb messen wir bei unklarem Befund zusätzlich Transferrin-Sättigung und CRP.

3. TSH, fT3, fT4 — die Schilddrüse

Eine Schilddrüsenunterfunktion (Hypothyreose) führt klassisch zu Müdigkeit, Kälteempfindlichkeit, Gewichtszunahme und gedrückter Stimmung. Häufig übersehen wird die subklinische Hypothyreose: ein erhöhtes TSH bei noch normalen fT3/fT4-Werten — also eine Vorstufe, die Beschwerden machen kann, bevor die klassischen Werte auffallen. Bei Verdacht auf eine autoimmun bedingte Form (Hashimoto-Thyreoiditis) ergänzen wir die Antikörper anti-TPO und anti-Tg.

4. Vitamin D (25-OH) — bei über der Hälfte meiner Patienten zu niedrig

In Zürich messe ich bei mehr als 60 % meiner Patientinnen und Patienten — besonders zwischen November und April — einen Vitamin-D-Spiegel unter 30 ng/ml. Vitamin D beeinflusst nicht nur die Knochengesundheit, sondern auch Muskelfunktion, Immunsystem und Energiehaushalt. Der Zielbereich liegt bei 30–60 ng/ml (75–150 nmol/l).

5. Vitamin B12 — aber bitte das aktive B12

Gesamt-B12 (Cobalamin) ist der Standardwert — aber er ist ungenau. Aussagekräftiger ist Holotranscobalamin (aktives B12), das nur den tatsächlich für die Zelle verfügbaren Anteil misst. Bei Vegetariern, Veganern, bei Einnahme von Magensäureblockern (PPI) oder Metformin und im höheren Alter ist ein B12-Mangel besonders häufig — und kann Erschöpfung, Konzentrationsstörungen, Kribbeln und Stimmungsschwankungen verursachen.

6. Folsäure — das Pendant zu B12

Folsäure (Vitamin B9) wirkt mit B12 zusammen in der Blutbildung und im Methylierungsstoffwechsel. Ein isolierter Folsäuremangel ist seltener, sollte aber bei Erschöpfung mitgeprüft werden — besonders bei Schwangeren, bei Alkoholkonsum oder bei bestimmten Medikamenten (Methotrexat, Antiepileptika).

7. HbA1c und Nüchternglukose — die Zucker-Achse

Erschöpfung nach dem Essen, Energietiefs am Nachmittag, Heisshunger auf Süsses — das können erste Hinweise auf eine Insulinresistenz sein, lange bevor sich ein manifester Diabetes entwickelt. HbA1c zeigt den Langzeit-Blutzucker der letzten drei Monate, Nüchternglukose den aktuellen Wert. Bei klinischem Verdacht ergänzen wir Nüchterninsulin und berechnen den HOMA-Index als Mass für die Insulinempfindlichkeit.

8. CRP — gibt es einen versteckten Entzündungsherd?

Eine chronisch erhöhte Entzündungsaktivität (silent inflammation) kann sich klinisch nur als Müdigkeit und Antriebslosigkeit zeigen. Ein hochsensitives CRP (hs-CRP) gibt hier Hinweise. Bei dauerhaft erhöhten Werten suchen wir gezielt weiter — Zähne, Darm, chronische Infekte, Autoimmun-Geschehen.

9. Leberwerte (ALT, AST, GGT)

Eine Fettleber (oft asymptomatisch) ist mittlerweile die häufigste Leberbefundänderung in der Schweiz und kann zu Erschöpfung beitragen. Auch versteckter Alkoholkonsum, Medikamenten-Nebenwirkungen oder eine Hepatitis können sich primär nur als Müdigkeit zeigen. ALT, AST und GGT sind die Standardparameter — bei Auffälligkeiten ergänzen wir Bilirubin, alkalische Phosphatase und je nach Verdacht eine Hepatitis-Serologie.

10. Kreatinin und eGFR — die Nierenfunktion

Eine eingeschränkte Nierenfunktion verursacht Müdigkeit, Appetitlosigkeit und Konzentrationsprobleme — oft schleichend, ohne dass die Patientinnen und Patienten es bemerken. Kreatinin allein ist ungenau (es hängt von der Muskelmasse ab), deshalb berechnen wir die eGFR (geschätzte glomeruläre Filtrationsrate).

11. Elektrolyte — Natrium, Kalium, Calcium, Magnesium

Elektrolytverschiebungen sind eine unterschätzte Ursache von Erschöpfung, Muskelschwäche, Krämpfen und Herzrhythmusstörungen. Besonders Magnesium-Mangel zeigt sich oft nur als diffuse Müdigkeit. Bei der Messung von Magnesium ist zu beachten, dass der Serumwert nur einen kleinen Teil des Gesamtmagnesiums abbildet — bei klinischem Verdacht mit normalem Serumwert kann ein intrazelluläres Magnesium (Vollblut) ergänzt werden.

12. Cortisol-Tagesprofil — bei Verdacht auf Stress-Achse

Eine anhaltende Stressbelastung kann das Cortisolmuster verändern: morgens erschöpft, nachmittags Energietief, abends unruhig. Eine einzelne Cortisol-Messung am Morgen ist hier nicht aussagekräftig — wir verwenden ein Cortisol-Tagesprofil aus dem Speichel (4 Messpunkte über den Tag) für eine zuverlässige Beurteilung der Hypothalamus-Hypophysen-Nebennieren-Achse (HHN-Achse).

13. Geschlechtshormone — je nach Anamnese

Bei Frauen in der Perimenopause oder Postmenopause sind sinkende Östrogen- und Progesteronspiegel eine häufige Ursache von Erschöpfung, Schlafstörungen und Stimmungsschwankungen. Bei Männern ab dem mittleren Lebensalter sollte Testosteron (Gesamt- und freies) geprüft werden — ein niedriger Wert kann ebenfalls zu chronischer Müdigkeit führen. Die Indikation richtet sich nach Alter, Anamnese und Symptomen.

14. Optionale Erweiterungen je nach Verdacht

Je nach Anamnese und klinischem Bild ergänzen wir gezielt: Coeliakie-Antikörper (Anti-Transglutaminase) bei Verdauungsbeschwerden, EBV-Serologie nach kürzlichem Infekt, ANA / Rheumafaktor bei Verdacht auf Autoimmunerkrankung, Lipidprofil für die kardiovaskuläre Einordnung, Homocystein bei Methylierungsverdacht oder ein Aminosäure-Profil bei Verdacht auf Neurotransmitter-Dysbalancen.

Wann zum Arzt bei Müdigkeit?

Wenn die Erschöpfung länger als 4 Wochen anhält, Ihre Leistungsfähigkeit deutlich einschränkt oder von weiteren Symptomen begleitet wird — ungewollte Gewichtsveränderungen, Haarausfall, Schwindel, Atemnot, anhaltende Schmerzen — gehört das in eine ärztliche Hand. Eine strukturierte Hausarzt-Abklärung mit Labor und Anamnese erspart Ihnen lange Such-Schlaufen und liefert eine klare medizinische Einordnung.

Was wir in der Praxis konkret machen

In meiner Hausarztpraxis am Zürich HB starten wir bei Erschöpfung mit einem strukturierten Check-up, der die Basisparameter abdeckt. Bleibt der Befund unklar, vertiefen wir die Diagnostik im Rahmen unserer Erweiterten Abklärung — mit Schilddrüsen-Antikörpern, aktivem B12, Cortisol-Tagesprofil und gezielten Spezialwerten. Bei nachgewiesenem Mangel ergänzen wir bei Bedarf eine Infusionstherapie (Eisen, Vitamin C, B-Vitamine) zur schnelleren Aufsättigung.

Nächster Schritt: Vereinbaren Sie einen Termin für eine strukturierte Erschöpfungs-Abklärung. Wir nehmen uns Zeit für Anamnese, gezieltes Labor und eine medizinische Einordnung Ihrer Beschwerden — KVG-pflichtige Leistungen über die Grundversicherung, erweiterte Analysen transparent besprochen.

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